Gedenken an die Novemberpogrome vor 80 Jahren in Marzahn-Hellersdorf

Das Bündnis für Demokratie und Toleranz am Ort der Vielfalt Marzahn-Hellersdorf hatte aus diesem Anlass eine Gedenkwoche organisiert, die am 5.11.2018 mit einer Auftaktveranstaltung in der Ernst-Haeckel-Oberschule in Hellersdorf, einer Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, begann.

Eingeladen war dazu, Dotschy Reinhardt, eine Künstlerin und Vertreterin der Sinti und Roma in Deutschland, die mit ihren Liedtexten und klaren Worten noch einmal einen anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse von damals und was sie für heute bedeuten, legte.  Der Abend wurde mit Musik und Gesprächsrunden gestaltet. In Interviews, die von Mitgliedern des Bündnisses mit Schüler*nnen und Lehrer*innen geführt wurden, berichteten sie voller Enthusiasmus dem Publikum von ihren phantasie- und ideenreichen Projekten, mit denen sie sich  schon seit vielen Jahren für einen freundlichen, toleranten, weltoffenen Bezirk engagieren. Im Interview zollte auch der anwesende BVV-Vorsteher Klaus-Jürgen Dahler den engagierten Lehrer*innen und Schüler*innen seinen Respekt und brachte die Erwartung an die Zivilgesellschaft zum Ausdruck, sich weiterhin dafür einzusetzen.

Durch die jungen Menschen wurde ein sehr schmackhaftes kleines Buffet erstellt und es gab kleine Produkte der Schülerfirma, die mit einer Spende erworben werden konnten. Die Einnahmen werden regelmäßig an ein Hilfsprojekt in Afrika überwiesen.
Etwa 40 Personen haben an der Veranstaltung teilgenommen.

Am Dienstag, 6.11.2018 sahen sich 250 Schülerinnen und Schüler des Tagore-Gymnasiums gemeinsam den Film „Hannah Arendt“ an. Anschließend wurde in fünf Gruppen mit Bewohner*innen diskutiert. Moderiert wurden die Gesprächsrunden von Mitgliedern des Bündnisses und Initiator*innen der Gedenkwoche.

Die Jugendlichen diskutierten den Film und erkannten, wie wichtig das kritische Hinterfragen jeglicher Information auch heute ist. In der etwas anderen Unterrichtsstunde ohne Lehrer*in mit offenen Gesprächen, die zum Nachdenken anregten und zum Engagement gegen neu aufkommende Fremdenfeindlichkeit motivierten, fasste eine Schülerin es so zusammen: „Es wäre gut, jedes Jahr das Thema beispielsweise mit einem Film zu behandeln, darüber zu sprechen, damit wir nicht vergessen, dass wir es nicht vergessen dürfen.“ Dieses Anliegen ist auch in unserem Sinne.

Am 7.11.2018 wurde in der Konrad-Wachsmann-Schule, auch einer Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, mit ca. 20 Jugendlichen der AG Anti-Rassismus und weiteren interessierten Schüler*innen der Film „Lauf Junge lauf“ gezeigt. In einer anschließenden Gesprächsrunde, die ebenso von Mitgliedern des Bündnisses geleitet wurde, reflektierten die Jugendlichen ihre Eindrücke. Sie waren sichtbar berührt vom Schicksal des polnisch- jüdischen Jungen und seiner fast 3 Jahre währenden Odyssee während der Flucht vor den deutschen Nazis. Sie verurteilten die Grausamkeit, die Hinterlistigkeit beim Verrat. Ermutigend fanden sie andererseits die Hilfsbereitschaft und Solidarität, die dem Jungen auch begegnete. Den Bezug zu heute fanden sie schnell, und erkannten, was geschehen kann, wenn Menschen sich nicht auch über die Themen Ausgrenzung und Rassismus und deren Folgen austauschen.

Am selben Tag waren die Marzahn-Hellersdorfer*innen zu unterschiedlichen Vorträgen eingeladen. In der Krankenhauskirche Wuhlgarten setzte sich die Historikerin Constanze Lindemann mit der Verantwortung der Ärzteschaft, speziell der des ehemaligen Griesinger Krankenhauses und ihrer Mittäterschaft beim Euthanasieprogramm der Nazis auseinander. Im Gemeindehaus der Jesuskirche Kaulsdorf wurde über Anstöße Dietrich Bonhoeffers für Kirche und Gesellschaft gesprochen und Henny Engels, eine der Sprecherinnen des Bündnisses, erinnerte in einem Vortrag an die Opfer der Judenverfolgung während der NS-Zeit in den Ortsteilen von Marzahn-Hellersdorf.

Ein Höhepunkt war die Vernissage der Ausstellung „Stolpersteine in Marzahn-Hellersdorf“, gewidmet jenen Jüdinnen und Juden, die hier gelebt haben, die deportiert und die meisten von ihnen ermordet wurden. Sie ist als Wanderausstellung konzipiert und gibt Auskunft über die Schicksale der jüdischen Menschen in Biesdorf, Mahlsdorf und Kaulsdorf. Sie berichtet die Schicksale dieser Menschen und ist noch bis zum 27. Januar 2019 in der Mark-Twain-Bibliothek zu sehen.

Seinen beeindruckenden Abschluss fand die Gedenkwoche anlässlich der Novemberpogrome vor 80 Jahren am Sonntag, den 11.11.2018, mit der Aufführung des Stücks „Die Judenbank“ mit dem großartigen Schauspieler Peter Bause. Er hat mit diesem Theaterstück alles gezeigt: die Verführung, die Verfolgung, das Grauen, den Schrecken. Ein Beispiel dafür, was Tyrannei bedeutet, aber auch, wie der Gerechtigkeitssinn der Menschen sie letzten Endes durchschauen kann.

Denn auch heute gibt es Kräfte, die die Absicht verfolgen, dass es wieder gesellschaftsfähig wird, Menschen auseinander zu dividieren, zu kategorisieren und sie gegen einander aufgehetzt werden.

Darum war es war ein gutes Gefühl, als wir während der Gedenkwoche viele Marzahn-Hellersdorfer*innen, vor allem junge Menschen, getroffen haben, die sich dafür einsetzen, dass Menschen nie wieder wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur, Religion, Ethnie, wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung, einer Einschränkung oder weil sie arm sind, herabgewürdigt und angegriffen werden.

Wir, die Organisator*innen der Gedenkwoche, bedanken uns herzlich bei den Sponsoren und Förderern, bei der Mark-Twain-Bibliothek, dem Bezirksmuseum, dem Tschechow Theater, der Ernst-Haeckel-Oberschule, der Konrad-Wachsmann-Oberschule, dem Tagore-Gymnasium und dem Siemens-Gymnasium, dem Vorstand des Heimatvereins sowie allen Trägern, Kirchen und Einrichtungen, die diesen traurigen Anlass des Gedenken wahr genommen haben, um zu erinnern und gleichzeitig auf unsere Verantwortung heute zu verweisen.