Der „Runde Tisch Kaulsdorf“

Erschienen am 14.01.2016 bei LichtenbergMarzahnPlus.de und im Bezirks-Journal.

Man liest, hört und sieht täglich etwas über die Situation geflüchteter Menschen, in Deutschland, Europa und der Welt. Es wird über die Geschehnisse auf der „Balkanroute“ berichtet, über hilflose Behörden, Kontingente, neue Grenzen und persönliche Geschichten des Leids. Doch was geschieht eigentlich vor Ort, vor der eigenen Haustür? Viele wissen es nicht, obwohl sich in den Nachbarschaften das meiste tut und dort die eigentliche Arbeit verrichtet wird.

Hotelunterkunft alles andere als komfortabel

Seit März 2015 haben bis zu 76 geflüchtete Menschen im Parkhotel Berlin Schloss Kaulsdorf mittels Unterbringungsschein des LaGeSo eine vorübergehende Bleibe gefunden. Was viele nicht wissen, ist, dass eine solche Unterbringungsform alles andere als komfortabel ist. Es fehlt an allem, was eine reguläre Unterkunft zu bieten hat: sozialpädagogische und psychiatrische Betreuung, die Möglichkeit Wäsche zu waschen, zu kochen, Internetzugang, eine Kleiderkammer, Zugriff auf Deutschkurse und die Sicherheit solange verweilen zu können bis eine Entscheidung im Asylverfahren getroffen wurde. Nach und nach sind die Umstände den Kaulsdorfern, allen voran der evangelischen Kirchengemeinde und dem Stadtteilzentrum Kaulsdorf, bekannt geworden. Schnell stand fest, dass weder der Bezirk Marzahn-Hellersdorf noch das Land Berlin zuständig sind und hier kaum Hilfe zu erwarten war. Was ist also zu tun, um einerseits den geflüchteten Menschen die dringend benötigte Hilfe zukommen zu lassen und andererseits die Kaulsdorfer Bürgerinnen und Bürger zu informieren und mitzunehmen?

Alle Beteiligten aktivierten ihre Ressourcen

Anfang September hatte das Stadtteilzentrum Kaulsdorf zu einer Gesprächsrunde geladen, an der neben Bürgern und Bürgerinnen auch lokale Akteure, wie etwa die Volkssolidarität, das CVJM („Christlicher Verein Junger Menschen“), die evangelische Kirchengemeinde, die Stiftung SPI und Hellersdorf hilft e. V. teilnahmen. Gemeinsam wurde beraten, wie die größten Herausforderungen, wie Kochmöglichkeiten, Internetzugang, eine Möglichkeit Wäsche zu waschen, Deutschunterricht, Zugriff auf Kleiderspenden für die geflüchteten Menschen und vor allem die Möglichkeit, einander zu begegnen und sich kennen zu lernen, angegangen werden können. Und bald bestand Einigkeit darüber, dass diese Herausforderungen gemeistert werden können, wenn alle Beteiligten ihre Ressourcen aktivieren und sich regelmäßig austauschen. Das war die Geburtsstunde des Runden Tisches Kaulsdorf. Seit dem ist einiges geschehen: Den geflüchteten Menschen konnten die dringend benötigten Zugänge und Dinge verschafft werden, ohne finanziellen Aufwand und ohne bestehende Regelangebote zu beschneiden. Am 16.Oktober konnte mit Unterstützung der Partnerschaft für Demokratie Hellersdorf ein Begegnungsfest realisiert werden, welches sehr großen Anklang fand.

Neue Partner sind hinzugekommen

Mittlerweile hat sich der Runde Tisch Kaulsdorf weiterentwickelt. Neue Akteure, u.a. das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, sind hinzugekommen. Weiterhin finden regelmäßige Treffen statt. Inzwischen ist bekannt geworden, dass das Hotel geschlossen werden soll und die geflüchteten Menschen in absehbarer Zeit dort nicht mehr unterkommen können. Dennoch hält der Runde Tisch sein Engagement aufrecht. Neue Unterkünfte werden kommen. Menschen, die Schutz und Zuflucht suchen, sollen auch weiterhin in Kaulsdorf willkommen geheißen werden. Wir alle können aus Kaulsdorf lernen, dass es weder Geld, noch Verwaltung oder Politik braucht um viel zu bewirken und dass es letztlich die Menschen vor Ort sind, die darüber entscheiden, ob Deutschland diese Herausforderung meistert.

André Isensee

Ab Januar 2016 informiert das Bündnis jeden Monat bei LiMa+ und im Bezirks-Journal über seine Aktivitäten und Vorhaben.