Solidarität oder Nah-Kampf? Lesung und Diskussion mit Heinz Bude am 30.11.2020 in der JFE Fair – Abgesagt

© Dawin Meckel

News (05.11.2020): Leider müssen wir die Veranstaltung Pandemie bedingt in das kommende Jahr verlegen!

Die Kampagne Solidarische Kieze veranstaltet am Montag den 30.11.2020 eine Lesung mit anschließender Diskussion mit dem bekannten Soziologen Heinz Bude zu seinem im vergangenen Jahr erschienen Buch „Solidarität – Die Zukunft einer grossen Idee“. Wir freuen uns auf einen spannenden Abend und einer gerade in diesen so schwierigen Zeiten wichtigen Diskussion über das Thema Solidarität.

Nach aktuellem Stand findet die Veranstaltung in der Jugendfreizeiteinrichtung Fair in Marzahn (Marzahner Promenade 51,12679 Berlin) um 17.00 Uhr statt. Aufgrund der aktuellen Coronasituation ist die Teilnehmer*innenzahl beschränkt. Wir bitten um Anmeldung via Mail an: koordinierungsstelle-mh@pad-berlin.de Es kann sein, dass die Veranstaltung teilweise oder ganz in den virtuellen Raum verlegt werden muss. Dies wird an dieser Stelle rechtzeitig bekannt gegeben. Abgesagt!
Facebook-Event hier.

Zum Buch:

Solidarität war einmal ein starkes Wort. Es geriet in Verruf, als jeder für sein Glück und seine Not selbst verantwortlich gemacht wurde. Heute ist die Gesellschaft tiefer denn je zwischen Arm und Reich gespalten. Natürlich gibt es ein Sozialsystem, das einen Ausgleich bewirkt. Heinz Bude aber fordert dazu ein neues Verständnis von Solidarität.

Wir sollten uns nicht damit begnügen, materielle Not zu lindern, sondern im anderen uns selbst als Mensch wiedererkennen. Erst so findet eine Gesellschaft wieder zusammen. Solidarität in diesem Sinne kann den Sozialstaat nicht ersetzen. Sie setzt auf die freie Entscheidung zur Mitmenschlichkeit und hebt den Unterschied zwischen dem Überlegenen und dem Schwächeren auf. Nur durch eine solche Haltung lässt sich Respekt in einer Welt der Ungleichheit gewinnen. Heinz Budes Reflexionen über die solidarische Existenz liefern die Antworten auf die soziale Frage unserer Zeit.

Zum Autor:

HEINZ BUDE, Jahrgang 1954, studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie. Von 1997 bis 2015 leitete er den Bereich »Die Gesellschaft der Bundesrepublik« am Hamburger Institut für Sozialforschung, seit 2000 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel. . 1997–2015 leitete er den Bereich »Die Gesellschaft der Bundesrepublik« am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er lebt in Berlin. Bei Hanser erschienen zuletzt: Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet (2011), Lebenslügen im Kapitalismus (2014, Hanser Box), Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen (2016) und Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968 (2018).

www.heinzbude.de

Ankündigungstext der Kampagne Solidarische Kieze:

Solidarität oder Nah-Kampf?

Unsere Nachbarschaften zwischen neoliberalem Zeitgeist und gemeinschaftlichem Eigensinn

Auch in unseren Wohngebieten kann man sich gesamtgesellschaftlichen Trends nicht entziehen. Mehr noch: in den vergangenen dreißig Jahren haben die (fast) alles umwerfende Nachwendezeit, neoliberale und andere menschenfeindliche Zeitgeister, Abwanderung, Deindustrialisierung, Prekarisierung des Arbeitsmarktes und Infrastrukturschrumpfung das nachbarschaftliche Zusammenleben wahrscheinlich stärker unter Druck gesetzt, als in anderen Bezirken Berlins. Zugleich aber konnten sich viele Menschen in den Wohngebieten in einem gewissen Eigensinn – häufig von der medialen Öffentlichkeit übersehen oder ignoriert und von Menschenfeinden beargwöhnt – eine alltägliche Praxis der Solidarität erhalten und teilweise neu etablieren; und das unter wahrlich schwierigen Grundbedingungen. Davon zeugen sowohl die ungeachtet aller Demographie-Verschiebungen und verschärfter Arbeitsmarktkonkurrenz trotzig weiterlebenden Hausgemeinschaften als auch die immer wieder aufwallenden Solidaritätswellen etwa während der sog. „Flüchtlingskrise“ um 2015 oder jüngst wieder in der Nachbarschaftshilfe in der Corona-Pandemie und -wirtschaftskrise.

Gemeinsam mit dem aufmerksamen Zeitdiagnostiker und Soziologen, Heinz Bude, wollen wir dem Potential jener trotz alledem eigensinnig fortbestehenden Solidarität in unserem Bezirk nachspüren. Dabei wird Bude auch ganz grundsätzlich über die Idee der Solidarität und ihre Chance in unserer „spätmodernen“, „fragmentierten“, „beschleunigten“ Gesellschaft sprechen. Solidarität, darauf weist der Autor hin, teilt mit der Solidität einen gemeinsamen Wortstamm; sie steht für das Solide, Feste, Ganzheitliche. Im solidarischen Verhalten drücke sich ein Bewusstsein von der notwendigen sozialen Verbundenheit aller und zugleich die bewusste Anerkennung des Anderen aus. Die Forderungen an das Subjekt nach Wettbewerbsbereitschaft und Eigenverantwortung, nach „authentischer“ Einzigartigkeit und Identität, in Abgrenzung zu anderen Identitäten, lässt das Konzept der Solidarität merkwürdig antiquiert erscheinen. Sind die solidarischen Alltagspraktiken der Marzahn-Hellersdorfer:innen altmodische, die Zukunft behindernde Echos längst vergangener Zeiten, oder sind sie ganz im Gegenteil der utopische Humus, das solide Fundament, auf dem ein besseres Zusammenleben in der Zukunft erwachsen kann?