Interview mit Mohamed – Mitbegründer von Gemeinsamer Horizont e.V.

Die Kampagne Solidarische Kieze Marzahn-Hellersdorf befragt aktuell Bürger*innen, soziale Träger und Einrichtungen sowie zivilgesellschaftliche Akteur*innen zum Thema Solidarität und Umgang mit der Corona-Krise in den Kiezen und Nachbarschaften unseres Bezirkes. Wenn Ihr Euch an unserer Kampagne beteiligen möchtet oder Lust habt Euch von uns zu Eurem Engagement befragen zu lassen, schreibt uns einfache eine Mail an: koordinierungsstelle-mh@pad-berlin.de

Mohamed is a Computer Engineer from Iraq, he arrived in Berlin in 2016 as a refugee. Mohamed is currently doing a Masters of Social Sciences and he is a co-founder of Gemeinsamer Horizont e.V. where they aim to redefine the concept of integration through education seeing integration as a two-way process. They currently run a few educational projects to empower refugees in Marzahn-Hellersdorf.

  1. Was versteht Ihr heute unter dem Begriff „Solidarität“? Ist das für Euch noch zeitgemäß und falls ja, wie kann oder sollte praktische Solidarität in diesen schwierigen Zeiten aussehen?

Solidarity to me is the process of showing care, empathy to a specific group of individuals under specific societal, political, or economic pressure. Moreover, solidarity includes sharing those groups situation and raise awareness and create possibilities for support and elevate them from their status quo. I don’t know if it is up to date or not, but I believe that practical solidarity should include the groups that are under the pressure. Somehow, I perceive that most of the time, the targeted groups are not in the discussion rather pointed at from the outside.

Solidarität ist für mich der Prozess des Zeigens von Fürsorge und Empathie gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen, die unter einem bestimmten gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Zwang stehen. Darüber hinaus umfasst Solidarität, die Situation dieser Gruppen zu teilen, das Bewusstsein zu stärken und Möglichkeiten zur Unterstützung zu schaffen und sie von ihrem Status quo zu erheben. Ich weiß nicht, ob es aktuell ist oder nicht, aber ich glaube, dass praktische Solidarität die Gruppen einschließen sollte, die unter dem Zwang stehen. Irgendwie stelle ich fest, dass die Zielgruppen meistens nicht in der Diskussion sind, sondern eher von außen angesprochen werden.

  1. Wie schätzt Ihr aktuell die soziale Situation in den Stadtteilen und Kiezen unseres Bezirks ein? Wie nehmt Ihr die Stimmungslage in den Nachbarschaften wahr? Was sind aktuell die dringendsten Bedürfnisse der hier lebenden Menschen?

It is extremely difficult for me to assess the social situation of a whole district, I will not be the right person to judge. But I believe that there is always room for improvement and development. More social cohesion is required through a project that aims for more inclusion and openness.

Es ist sehr schwierig für mich, die soziale Situation eines ganzen Bezirks zu beurteilen, ich bin nicht die richtige Person, um darüber zu urteilen. Aber ich glaube, dass es immer Raum für Verbesserungen und Entwicklung gibt. Mehr sozialer Zusammenhalt ist erforderlich durch Projekte, die auf mehr Inklusion und Offenheit abzielen.

  1. Welche Menschen bzw. Gruppen glaubt Ihr – auch auf Grundlage Eurer Erfahrungen – werden in demokratischen Entscheidungsprozessen übersehen bzw. nicht sichtbar oder werden gar ausgeschlossen von den „Aktiven“ und den bestehenden Strukturen?

Since solidarity depends not only on spatial proximity but also on social proximity. That means the socio-demographic characteristics of individuals determine to a certain extent their readiness to engage in political and social activities and in showing solidarity. Therefore, in my experience the most overlooked groups are the group of peoples migrated or sought refuge in Germany in the last 30 years or so. That’s why, I believe that practical solidarity should include these groups in the process of solidarity.

Weil Solidarität nicht nur von räumlicher Nähe, sondern auch von sozialer Nähe abhängt. Das heißt, die soziodemographischen Merkmale der Individuen bestimmen bis zu einem gewissen Grad ihre Bereitschaft, sich politisch und sozial zu betätigen und Solidarität zu zeigen. Daher sind nach meiner Erfahrung die am meisten übersehenen Gruppen die Gruppe der Menschen, die in den letzten etwa 30 Jahren nach Deutschland ausgewandert sind oder hier Zuflucht gesucht haben. Deshalb glaube ich, dass die praktische Solidarität diese Gruppen in den Prozess der Solidarität einbeziehen sollte.

  1. Was müssten die „Aktiven“ tun, um solidarisch, gemeinsam und auf Augenhöhe mit diesen Menschen gesellschaftliche und politische Beteiligung in Entscheidungsprozessen (in den Vierteln und darüber hinaus) zu verbessern?

It is very difficult to make a very specific set of actions to improve social and political participation in decision-making processes for overlooked groups. Therefore, I believe that many approaches can be implemented at the same time from different levels. “Active” people should first communicate with the specific groups then raise awareness of their situation. Moreover, “active” people should aim to show solidarity not on a social level but very importantly on a systematic and bureaucratic level. Hence, solidarity is a process engaged my multiple actors and it should be implemented not only from top-down rather bottom-up.

Es ist sehr schwierig, eine sehr spezifische Liste von Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen und politischen Beteiligung an Entscheidungsprozessen für übersehene Gruppen zu erstellen. Deshalb glaube ich, dass viele Ansätze gleichzeitig von verschiedenen Ebenen aus umgesetzt werden können. „Aktive“ Menschen sollten zuerst mit den spezifischen Gruppen kommunizieren und dann das Bewusstsein für ihre Situation schärfen. Darüber hinaus sollten „aktive“ Menschen darauf abzielen, Solidarität nicht auf sozialer, sondern vor allem auf systematischer und bürokratischer Ebene zu zeigen. Solidarität ist also ein Prozess, der meine zahlreichen Akteure einbezieht, und er sollte nicht nur von oben nach unten, sondern von unten nach oben umgesetzt werden.