Interview der Kampagne Solidarische Kieze mit Mein Kiez. Mein Zuhause.

Mein Kiez. Mein Zuhause. ist ein Projekt von Babel e.V., das im Quartier Hellersdorfer Promenade zusammen mit Anwohner*innen daran arbeitet eine positive Identifikation mit dem Wohnumfeld herzustellen.

  1. Habt Ihr bereits von der vor kurzem gestarteten Kampagne „Solidarische Kieze in Marzahn-Hellersdorf“ gehört? Was haltet Ihr von der Idee? Könntet Ihr Euch vorstellen Euch daran aktiv zu beteiligen, z.B. indem Ihr z.B. eigene Formate mit dem frei zur Verfügung stehenden Kampagnenlogo kennzeichnet?

Wir hatten den Erstkontakt per Facebook. Die Idee ist lobens- und in jedem Falle unterstützenswert. Wir sind dazu bereit, uns bei Aktionstagen und Veranstaltungen zu beteiligen. Die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft und die Ausgrenzung von Minderheiten macht ein solidarisches und aktives Miteinander unabdingbar. Dabei geht es nicht allein um eine Signalwirkung, sondern um konkrete Handlungen. Die Umsetzung derer Bedarf einer aktiven Gemeinschaft, die durch dieses Projekt geschaffen wird. Wir veranstalten im Juli eine Ideenwerkstatt und werden bei der Werbung das Kampagnenlogo miteinfügen.

2. Was versteht Ihr heute unter dem Begriff „Solidarität“? Ist das für Euch noch zeitgemäß und falls ja, wie kann oder sollte praktische Solidarität in diesen schwierigen Zeiten aussehen?

Solidarität bedeutet für den anderen einzustehen und dabei, wenn notwendig, seinen eigenen Vorteil zurück zu stecken. Das Ziel ist dabei immer ein faires, tolerantes und kulturelles Umfeld zu schaffen. Selbstverständlich ist dieser Begriff noch zeitgemäß. Er verdient sogar eine Renaissance. Solidarisches Handeln sieht von Bereich zu Bereich unterschiedlich aus. Aktuell ist praktische Solidarität besonders von einer klaren Stellungnahme gegen Extremistische und populistische Propaganda geprägt. Dazu gehört auch die Unterstützung der vielfältigen Kultur in den Bezirken. Wenn ein kultureller Beitrag (nehmen wir als Beispiel ein wöchentliches stattfindendes Konzert von einem Straßenmusiker) nur wegen finanzieller Aspekte wegbricht, kann eine solidarisch-vernetzte Gemeinschaft die Kultur erhalten, indem sie beispielsweise Räumlichkeiten zur Verfügung stellt oder Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Wenn weiterhin Parteien oder politische Organisation bestimmte Personengruppen öffentlich Ausgrenzen, sind Protest-, Aufklärungs- und Solidaritätsaktionen selbstverständlich Pflicht.

3. Wie schätzt Ihr aktuell die soziale Situation in den Stadtteilen und Kiezen unseres Bezirks ein? Wie nehmt Ihr die   Stimmungslage in den Nachbarschaften wahr? Was sind aktuell die dringendsten Bedürfnisse der hier lebenden Menschen?

Wir sind vor allen Dingen in Hellersdorf Nord aktiv. Bei unseren Direktkontakten ist die Stimmung nicht unbedingt negativ. Die kulturellen Angebote werden in moderater Weise wahrgenommen. Man fühlt sich wohler im Bezirk, als man bei aller negativer Außendarstellung vermuten mag. Das größte Problem bei vielen Anwohner*Innen ist wohl die finanzielle Situation. Problematisch ist auch die nicht geringe Ablehnung von Migrantinnen und Migranten im Bezirk. Die Situation der Personen in Unterkünften für Geflüchtete schätzen wir als besonders problematisch ein. Sie sind nicht nur dem Alltagsrassismus und finanziellen Nöten ausgesetzt, sie befinden sich darüber hinaus in einem Umfeld, welches die Integration in die Zivilgesellschaft nicht unbedingt fördert.

  1. Zu Beginn der Coronakrise war das Wort „Solidarität“ plötzlich in aller Munde und es entstanden viele neue Nachbarschaftsstrukturen und Hilfsangebote. Auch hier im Bezirk gab und gibt es vom gemeinsamen Nähen von Community-Masken über Gabenzäune und Einkaufshilfen für hilfebedürftige Menschen eine Menge positive Ansätze. Wie verhindern wir, dass diese positiven Ansätze von solidarischen Handeln durch die zunehmenden Verschwörungsmythen, verstärkten Rassismus und von Rechten vereinnahmten sogenannten „Hygienedemos“ verloren gehen und die gesellschaftliche Spaltung und Polarisierung in der Post-Coronazeit wieder bzw. weiter zunimmt?

In dem man die geschaffenen Strukturen beibehält. Das klingt erstmal simpel. Aber nehmen den notwendigen Mitteln, benötigt es dafür besonders eine Sache. Engagement! Klar werden in der Post-Corona-Zeit Aktionen wie Einkaufshilfen weniger werden. Als Zusammenschluss kann man allerdings weiterhin ehrenamtlich das Angebot aufrechterhalten. Besonders Senioren ohne umfangreiches soziales Netzwerk benötigen jede Hilfe die Sie kriegen können. Auf die Permanenz des Engagements folgt im Idealfall die Etablierung und Normalisierung solcher Aktionen. Stetes Tropfen höhlt den Stein!

5. Was sollte besser laufen im Bezirk? Welchen Beitrag könnte dazu die laufende Kampagne leisten?

Ideal wäre es, wenn wir mehr Beteiligungsformate schaffen und die Anwohner*Innen am Ende selbständig Projekte initiieren können. Dies würde nicht nur zur Stärkung der demokratischen Kompetenz beitragen, vielmehr würde Kultur organisch aus der Bevölkerung erwachsen, ohne, dass es von „außen“ aufgezwungen wird. Das Bündnis könnte Mitbürger*Innen zunehmend in die Planung von bestehenden oder geplanten Veranstaltungsformaten integrieren.

(Juni 2020)